Ordnung ist das halbe Leben – und Chaos die lebendige Hälfte

Stimmt es, dass Chaos kreativ macht? Ist dies nur die Ansage von Zeitgenossen, die einfach nicht aufräumen wollen? Tobt auch in Eurem Büro ein Kampf der beiden Kontrahenten? Oder regiert auf den Schreibtischen die Ordnung und hat das Chaos in den Untergrund verbannt?

Mir gegenüber sitzt mein langjähriger Kollege Bernd. Wie häufig in Büros haben wir im Einklang mit der Raumnot der Großstadt entschieden, dass unsere Schreibtische Front an Front gegeneinander stehen. So sehe ich also hinter meinem Bildschirm den Schreibtisch meines Kollegen und meistens zu Beginn der Woche auch ihn. Gegen Ende der Woche verschwindet er mehr und mehr hinter Bergen von Aktenordnern. Mein Schreibtisch dagegen bleibt die ganze Woche über so aufgeräumt wie er war. Man könnte nun vermuten, dass ich weniger zu tun hätte oder meine Arbeitsunterlagen heimlich zu Bernd rüberschiebe. Null! Ganz im Gegenteil wachsen seine Stapel von geheimnisvollen Kräften getrieben auf meinen Schreibtisch herüber. Sein Chaos kennt keine Grenzen, wie denn auch? Bei mir ist ja Platz. Falls mir nämlich mal etwas zu viel Arbeit auf den Tisch kommt, verlagere ich die Sachen schön übersichtlich auf den Boden. Und wer stolpert auf dem Weg zum Kaffeeautomaten darüber? Mein Kollege Bernd natürlich!

Wenn er nicht ein wirklich sympathischer Typ und inzwischen guter Freund wäre, hätte ich ihn schon längst auf den Mond geschossen. Und tatsächlich sind wir im bürointernen Ranking der besten Kickerteams ganz oben. Bernd vorne im Angriff und ich hinten in der Verteidigung sind wir so gut wie unschlagbar. Aber über Ordnung oder die sinnvolle Höhe aufeinander gestapelter Papiere kann man nicht mit ihm reden. Mein Gegenüber ist und bleibt ein Hochstapler. Er ist überzeugt, dass er nur so die Unterlagen zur Bearbeitung wiederfinden kann, denn alles bleibt ja genau so übereinander liegen, wie es im zeitlichen Ablauf auf seinem Schreibtisch angeschwemmt wurde. Ein ordnender Eingriff von außen, sei es von mir oder vom Reinigungsdienst ist für Bernds Sedimentation der Dinge geradezu tödlich. Einen Schraubenzieher wird er zuerst an seinem letzten Einsatzort suchen, nicht etwa beim Werkzeug. Alle Dinge haben ihre Geschichte, meint Bernd. Wie schön für ihn!

Mich dagegen macht allein der Blick auf seinen Schreibtisch wahnsinnig. Ich brauche frei Flächen oder wenigstens klar zugeordnete Bereiche, an denen die Dinge liegen. Was da keinen Platz hat, verschwindet gerne auch mal im Rollcontainer oder wandert ins Regalsystem, das hinter mir steht. Da seh ich‘s dann wenigstens nicht. In dem Punkt muss ich auch mich selbst als heimliche Chaotin einstufen, aber eins behalte ich auf diese Weise: den Überblick! Die wichtigen Dinge habe ich vor Augen. Auch meinen Kollegen Bernd – zumindest anfangs der Woche.

Und wie geht es Euch im Büro? Wer hat wann seine Schere zum zigsten Mal nicht gefunden? Und wo war sie dann? Wer ist das große Organisationstalent und wer eher im Kampf mit dem täglichen Wahnsinn? Schreibt uns aus Eurem Office, was geht und was gar nicht geht. Oder auch was ganz anderes zum Thema, wie zum Beispiel das Zitat vom alten Tucholsky: „Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.“

Ingrid
Webdesignerin und Teilzeittiroler

Ordnung ist das halbe Leben – und Chaos die lebendige Hälfte
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